Fetzen aus der Unterschicht

    1. Zeitungsausträger
      Mit 13 sollte ich mein eigenes Taschengeld verdienen. Der Job als Zeitungsausträger ergab sich zwar, jedoch mit maximaler Ausbeutung, aber als Kind hat das Geld und die Zeit eine andere Wertigkeit. Meine Genugtuung holte ich mir trotzdem. Wie gesagt ich war 13 und der Schub des Körpers in die Höhe ließ noch auf sich warten. Ich wusste von einer gefährlichen Feuerwehrleiter, die zum Dach der Turnhalle in etwa 20 meter Höhe führte. Es gab Ältere, die manchmal vom Flachdach nach unten blickten, schrien und dann vom Dachrand verschwanden und wir hörten unten Gelächter, sie verhielten sich wie Götter auf dem Olymp und ich blickte zu ihnen ehrfürchtig hoch. Das Wetter war  an jenem Arbeitstag trüb und ich hatte keine Lust die Zeitungen auszutragen. Ich hielt sie in der Stofftüte umgehängt. Der Grund, warum sich wenige auf den Dach trauten lag an dem Umstand, dass Kiddies in meiner Größe zur Erreichung des ersten Sprossens springen mussten. Man stieg zunächst auf den Fenstersims und war schon mal etwa 7 meter über dem Boden. Für jemanden, der gerade 1 Meter irgendwas maß war das auch schon angsteinflößende Höhe. Mir gegenüber war nun eine Betonsäule, die wie aus dem Märchen “Hans und die Bohnenranke” in den Himmel ragte und an deren Seite  keine Blätter hingen, sondern die Feuerwehrleiter. Wie erwähnt, die Gefahr bestand nicht nur in der Höhe sondern in der ersten Sprosse, die zu hoch war, um sicher nach ihr zu greifen und ein kleiner Sprung musste gewagt werden, um sich dann akrobatisch festhaltend und am Fenster mit den Füßen hochdrückend hochzukommen. Dann war mit einem kleinen Sprung wieder fester Boden unter den Füßen. Ich genoss die Zeit auf dem Dach. Ich bewegte mich hin und her. Blickte runter, ob irgendwelche Geschöpfe mich nun in der Gottrolle sahen, doch enttäuschenderweise war keiner da. Ich blieb trotzdem noch eine Weile und ließ dann alle Zeitungen liegen. Grinsend stieg ich dann wieder ab. 
  1. Pizzakurier
    Shoutout an alle Pizzakurriere, die an Sonntagen für 6-7€ die Stunde arbeiten und sich eine Aufwertung des Stundensatzes durch Trinkgeld erhoffen. Einen höheren Stundensatz kann man nicht verlangen. Geht der eine, kommt der andere in solchen Tätigkeiten. Das Geld hingegen wird benötigt, also kommt man vorerst klar mit der Ausbeutung. Bis einem sich die Möglichkeiten der Genugtuung anbieten z.B. indem man umsichtig aber volle Kraft auf die Bremse steigt und den Verschleiß erhöht.
  2. Am 1. Mai 2020 (Tag der Arbeit) werfen viele PoCs traurige Blicke auf Aufnahmen der 1. Generation aus längst vergangenen Zeiten. Ich denke nicht, dass man heute so weit ist,dass man sich aus einer günstigen Lage heraus an die schlechten Tage der 1. Generation der Gastarbeiter erinnern kann. 
    Welcher Wallraf berichtet heute von der Situation der Blaumannträger?
    Die Maschinenreinigungskräfte bspw. Wenn sie, um den industriellen Schmutz zu entfernen, reizende chemische Mittel verwendet haben. Wie der Umgang der Büromenschen mit ihnen war. Wie sie rochen, sich nach der Arbeit fühlten. Wie sie ausgebeutet und gedemütigt werden.
    Ich weiß nicht was die Ursache der Krankheit ist. Keiner kann es sagen, denn die Forschung ist noch nicht so weit die Ursachen eindeutig festzulegen. Es existieren Wahrscheinlichkeiten und ein Stigma, dass Lungenkrebs vom Rauchen herrührt, vllt war es bei mir das Passivrauchen. Wer kann mir aber versichern, dass die Krankheit nicht daherrührt, dass ich ohne Atemmaske 7 Jahre als Maschinenreinigungskraft Chemikalien eingeatmet habe