Aus dem Bauch heraus

Der Tag barg etwas besonderes in sich, das sich mir aber erst im Laufe des Tages enthüllen sollte. Ich dürstete seit einer Weile nach etwas Bestimmtes. Eine große Unlust, ein mulmiges Gefühl begleitete mich. Mein Lachen hatte etwas Angestrengtes in sich. Der Arbeitstag begann unspektakulär. Überhaupt, vieles war an diesen Tagen in meinem Leben unspektakulär. Ich spürte, wie das Korsett des eng anliegenden Tagesablaufs mir die Stimmung einschnürte. Mein Leben war ein vorhersagbarer Algorithmus geworden.

Der Tag begann seit einer gefühlten Ewigkeit  mit folgender Abfrage:

Wach?

Wenn Ja: Frühstücken!

Gefrühstückt?
Wenn Ja: zur Arbeit fahren!

Gearbeitet und Feierabend?
Wenn Ja:Nach Hause fahren!

Ich kann nachvollziehen, dass die Rechner immer wieder den blauen Bildschirm zeigen und den Totalausfall produzieren. Das Durchlaufen eines Schemas ist auf langer Sicht ja nicht auszuhalten. Zurück ins Büro und an jenen Tag. Dort habe ich an diesem Morgen wieder meinen Rechner hochgefahren, bis zur Mittagspause die Arbeit verrichtet und war an und dabei dem Algorithmus weiter zu folgen, bis irgendein unbedeutender Spruch, der Nebensatz in einem Schachtelsatz des Kollegen, in mir einen Funken zündete, der den eine Kettenreaktion auslöste. In mir war die Idee, aufgrund des Überdrusses an Normalität, ja gar der unbedingte Wunsch aufgetaucht, in den Urlaub zu fahren. Solche Ideen sind am Anfang sehr zerbrechlich. Oft sprechen viele Gründe gegen sie und daher werden sie oftmals noch im Keim erstickt. Daher entschied ich mich dafür, jede Äußerung, jeden weiteren Gedanken darüber zu unterlassen, bis ein Zurück nicht mehr möglich war. Ich wollte, dass das Verlangen nach Abnormalität gestillt wird und zwar nicht an einem Herbstsonntag diesen Jahres und nicht an einem Frühlingsmonat nächsten Jahres, sondern sobald wie möglich. So öffnete ich den Webbrowser der Wahl und klickte auf das Ergebnis der Suche nach Blindbooking. In diesem Konzept weiß der Käufer nicht wohin es ihn führt und er erfährt es erst nach dem verpflichtenden Kauf. Das Vorgehen hat für mich den Vorteil, dass ich das Phänomen umgehen kann, das sich bei eigener Wahl des Urlaubsziels ereignen würde. Nämlich dadurch, dass der Kritiker in mir, der zu jeder Ecke des Kontinents eine Kiste voller unschöne Seiten parat hält, mit seiner Stimme mir die Stimmung vermiest. Die Idee für ein Spontanurlaub will ziemlich gut gehütet werden, wie zerbrechliches Porzellan, das bei kritischen Tönen unumkehrbar zerspringt. Vor der Bestätigung des Kaufs hielt ich noch einmal inne und klickte dann mit einer heftigen Fingerbewegung auf die Maustaste, die auf den Button „kostenpflichtig Buchen“ zeigte. Im Bürozimmer saßen Kollegen und rechneten wild herum und ich hatte innerhalb weniger Minuten mich dazu entschieden nächste Woche in den Urlaub zu fliegen. Die weitergeleitete Seite gratulierte mir für den Flug nach Mallorca. „Hmm, Mallorca also. Ich hab aber absolut keine Lust auf so eine pubertäre Ballermansache“, dachte ich mir. Nun wie dem auch sei, den Kollegen konnte die frohe Nachricht übermittelt werden.

Leute, hört mir zu. Ich fahre in den Urlaub, nächste Woche. Nach Mallorca! Aus dem heiteren Himmel fragst du? Ja, einfach so!

Ich glaube, dass meine Kollegen mich für einen Moment für ziemlich „irritiert“ gehalten haben.  Ich denke, dass das Verhalten, fetzenweise Informationen von sich zu geben für einen gewissen Teil des Eindrucks verantwortlich ist.

Ich will aber keinen Ballermannurlaub! Mal sehen was ich da finde.

War noch das Letzte, was ich hierüber von mir gab.  “Was kommt denn aber sonst in Frage? Was hat Mallorca sonst zu bieten?” Ich hatte absolut keinen blassen Schimmer und wenn mir das Wissen über etwas fehlt, dann sorge ich eben dafür, dass dieses Defizit aufgehoben wird. So machte ich mich auf den Weg in die Bibliothek und stellte alle möglichen Bücher zu diesem Thema auf ein Tisch und jedes Exemplar wurde quergelesen, um dann die auserkorenen Bücher auszuleihen. Nach der Lektüre stand eins fest: Es wird ein Zelturlaub mit einer dreitägigen Wanderstrecke. Der Plan, den ich schmiedete lautete in groben Zügen:

  • Komme mit Bus und Bahn nach Soller
  • Um von dort aus über die Fernwanderroute GR 221 Banyalbufar zu erreichen.
  • Dort angekommen fahre wieder nach Palma
  • Checke im Hotel ein und genieße den Strand.

Tag 1

Ankunft in Port de Sòller

So kam ich dann am Montag um 16:00 Uhr in Palma de Mallorca an. Schnell mich mit Wasser und Proviant versorgt nahm ich auch den ersten Bus nach Port de Sòller.

Die touristische Attraktion im Hafen von Sòller

Die “Pilgerreise” wird also im Hafen von Soller seinen Anfang nehmen. Die Uhr zeigt 17:40 Uhr an und die Zeit für den Beginn des Fußmarsches in Richtung Deia beginnt dann auch. Zugegeben eine freudige Nervosität machte sich in mir breit.

Die 1. Übernachtung

Die freudige Nervosität hinterließ ihre Stelle der angespannten Nervosität. Der erste Tag war dabei in den Abend überzugehen und ich musste mir hierfür einen geeigneten Übernachtungsplatz aussuchen. Abseits des Wegs, ein wenig versteckt durch umliegende Büsche und Bäume, fand ich dann doch einen geeigneten Platz. Dann kam aber die nächste zu klärende Frage: “ Wie baut man eigentlich einen Zelt?“ Als Stadtkind, der  sich in seiner Jugend in die Schuld begeben hatte, sich über Pfadfinder lustig zu machen, hatte ich jetzt das Nachsehen. Es war also Bußtag. Unter dem Motto: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“, ging ich aber gehobener Brust an die Sache ran und am ersten Tag um 19:29 MESZ war auch das Thema Übernachtungsmöglichkeit erledigt, wenn auch nicht werbewirksam.

 
 
Der noch im Aufbau befindliche Zelt 😉

 

Tag 2

Etwas schlaflos. Ab 07:50 Uhr ging es am 14.09. 2016 für mich in der Route weiter. Gleichzeitig freue ich mich natürlich über die Geburtstagswünsche 🙂 und schriet wieder voran in dem Wunsch das Etappenziel heute zu erreichen.

Die Ankunft in Deia

Ich hatte zwar mein Laptop und das Handy dabei, aber ich wusste auch, dass der Akku mir die nächsten zig-Stunden reichen muss. Ich verwendete also weder die Karte auf dem Handy, noch die im Papierformat. So war es für mich eine ziemlich große Überraschung als ich morgens um 08:30 Uhr, nach einer scharfen Kurve plötzlich in den Hängen eines Berges ein kleines Dorf zu Gesicht bekam.

 

Der Wunsch nach etwas Essbarem und nach Kaffee hatte mich ganz gepackt. So war es dann für mich eine paradiesische Erfahrung, den Frühstück mit Espresso und Bruschetta serviert zu bekommen, welche getunkt in feinstem Olivenöl und bestückt mit den leckersten Tomaten heute noch meine Erinnerungen versüßt. Nachdem ich mich ziemlich von diesem Dörfchen hab beeindrucken lassen, wurde es auch wieder Zeit weiterzuziehen. Während des Weges kam ich an ansehnlichen Villen vorbei, an Grundstücken, die durch Wachhunde beschützt wurden. Mich traf plötzlich ein Hundegebell. So ein Ereignis ist eine gute Möglichkeit, die Instinkte aus der Urzeit auf ihr Funktionieren hin zu überprüfen. Ich ging sofort in den Überlebensmodus über und gelinde gesagt erhöhte ich die Schrittgeschwindigkeit.
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Ein letzter Blick auf Deia
Ich wurde auf dem Weg Mal von einem Anblick überrascht indem der hellblaue Himmel sich an das Tiefblau des Meeres anlehnte, Mal von Bergzügen, die riesig waren. Ein Berg gefiel mir über die ganze Reise hinweg sehr. Ich habe bis heute nicht verstanden was mich an dieser Steinformation so beeindruckt hat. Sie besaß absolut keine symmetrische Form. Im Gegenteil sie war in der Form ziemlich unsymmetrisch. Sie besaß einen Gipfel, der schräg in Richtung Meer gewachsen war. Sie dominierte die Landschaft und begleitete mich über eine lange Strecke hinweg.

 

Die nächste Stadt Valdemossa

Um 12:00 Uhr kam ich dann endlich in Valdemossa an. Diese kleine Stadt entzückte mich mit ihren hübschen Kirchen und Kapellen.
Im Gemüt bildete sich langsam ein Wandel an. Nachdem ich meine Verpflegung in Valdemossa abgeschlossen hatte, beschloss ich an diesem Tag weitere Kilometer abzulaufen. Doch die Lustlosigkeit hatte einen Fuß in die Tür bekommen.

Der Weg schien mir jetzt so lang und vor allem sinnlos. An den Schlaf im Zelt hatte ich mich noch nicht gewöhnt. Schlaflos, mit einem sich immer schwerer anfühlenden Rucksack, der meinen Nacken zu einem Stiernacken entwickeln ließ, mit Blasen an den Füßen schien mir die weitere Route eine unnötige Tortur zu werden. Ich sollte den Bus jetzt nehmen, im Hotel einen Tag vorher einchecken und mich ausruhen. Dieser Gedanke machte sich während des Marsches in einer sich unendlich anmutenden Strecke breit.
Obwohl keiner da war, dem ich meine Willensstärke vorzeigen und ihn beeindrucken  konnte, fällte ich doch die Entscheidung am Plan zu bleiben. Mich störte der Gedanke, dass die Stimme des Nörglers, das kleine kindische Nervenbündel. der immer wieder einer Züchtigung und Erziehung bedarf, mir einreden sollte aufzuhören. Ich blieb daher weiterhin dem Plan treu und begann mit der Suche für die nächste Übernachtungsmöglichkeit. Der gefundene Platz war mäßig Ideal. Der Boden war uneben und ein Windschutz bot sich auch nicht an. Die Sonne war aber nicht mehr lange da und es war mir dann doch zu riskant vor Anbruch der Dunkelheit einen besseren Platz zu suchen. In der Nacht werde ich für diese Entscheidung belohnt, durch die permanente Begleitung eines starken Windes, der für keine heimelige Atmosphäre sorgt.

 

Die 2. Nacht

Der frühe morgen des 15.09. und der Fußmarsch geht weiter. Eine schöne Überraschung ergibt sich dann plötzlich mit dem Blick gen Südosten. Ich sehe aus dieser Entfernung heraus die Hauptstadt der Insel. Euphorie nimmt die Stelle des Frustes an.

Tag 3

Banyalbufar

Die Ankunft am Ziel. Ich verwöhne mich mit dem Frühstück bei Son Tomas auf der Carrer Baronia mit einer kalten Cola und einem Sandwich und warte die Zeit ab bis der Bus, der mich nach Palma bringen soll, eintrifft. Ankunft im Hotel

Im Hotel angekommen suche ich auch wieder schnell den Weg zum Strand. Die letzte Übernachtung im Urlaub erfolgt in einem Bett und umgeben von starkem Beton, das jedem Wind trotzt. Über manch technische Errungenschaften freut man sich eben etwas später im Leben.

Rückflug

Am 17.09. findet die Reise sein Ende -Zuletzt noch ein Screenshot auf der Karte und in den Worten von Carl Sagan: The pale blue dot. Look again at that dot. That’s here. That’s home. That’s me

Abschließende Gedanken an die Erfahrung

Im Verlauf der Zeit, mit der Entdeckung und der Kultivierung des Getreides entwickelte sich aus den bisherigen Jägern und Sammlern der sesshafte Mensch. Dies Geschah, wenn man die gesamte Zeitspanne des Homo Sapiens vor Augen hält, innerhalb eines Wimpernschlags. Wir begannen unsere Häuser anliegend an die Weizenfelder  zu bauen und das Durchkämmen der Wälder nach essbarem war nicht mehr. Wir verbrachten das ganze Leben oftmals an einer Stelle. Eine stabile Behausung zu bauen mit Wänden, die uns von außerhalb der Mauer liegenden Gefahren und Störungen abschotten konnte, war jetzt ein lohnenswertes unterfangen geworden. Die Sicherheit und die Beständigkeit rückten an die Stelle des Abenteuers und der Ungewissheit. Aber! Das Jahrmillionen lange Leben als Jäger und Sammler hat uns nie ganz verlassen. Das merken und spüren wir in Momenten, in denen wir der Beständigkeit und der Sicherheit überdrüssig werden. Wir laufen dann in die Wälder hinein und begehen die Pfade unserer Urahnen. So wurde auch bei mir wieder die Normalität und Beständigkeit im Alltag freudig empfangen. Aber wisset eins: Sobald ich dem Algorithmus wieder überdrüssig geworden bin, die Seele des Jägers und Sammlers in mir wieder ruft, geht es hier mit den Reisebeiträgen auch weiter. Bis dahin, euer Ömer  

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