Donnerstag 07.03.2019

Ich muss heute zur Post. Das bereitet mir seit Stunden Kopfzerbrechen. Es ist nämlich kein Wollen in diesem Zustand. Verpflichtungen, Versprechen und Erwartungshaltungen. Es liegt eine unsichtbare eiserne Faust vor, die mich dazu zwingt, mein Wollen diesen Kräften des Müssens zu beugen. Diese Kraft ist perfide und agiert in einem System. Im Bett liegend schaue ich mir eine Sendung, in der es zufällig über die Bedeutung der Verpflichtungen und der Versprechen geht. Ein Herr Psychologe und ein Herr Soziologe sitzen mit kitschigen Halstüchern und Hornbrille uniformiert, mit umeinander geschlagenen Beinen und in erleuchteter Manier in ihren Stühlen. Sie erklären, dass das schon immer so war -Ich mache mir nichts vor, das Argument besitzt einen gewissen Charme. Weiter schildern sie, mit verschränkten Handbewegungen, dass die Moral der gesellschaftlichen Verpflichtung von unendlich wichtiger Bedeutung ist und diese Verhaltensweisen das Funktionieren der Gesellschaft erst ermöglicht. Ich bin kurz überwältigt und blicke nachdenklich auf das Paket, dass da so unscheinbar in der Ecke liegt.  Auf die Frage des Moderators, was denn wäre, wenn den Kräften nicht Folge geleistet werden würde, erscheint eine beunruhigende Stille im Raum und die Gesichtszüge des Herrn Psychologen und Herrn Soziologen ziehen sich zu einer verkrampften knetigen Masse zusammen. Sie blicken sich in einer übernatürlichen Harmonie schwelgend an und werfen das unaussprechliche Wort in die Welt: Nihilismus! Wie der Begriff Kommunismus im Westen, in Zeiten des kalten Kriegs, besitzt der Nihilismus in der Postmoderne eine fürchterliche Wortkraft und es bedarf somit keiner weiteren Erläuterung. Jedem ist auf Anhieb klar, dass das Leben vor dieser größten Bedrohung der Menschheit beschützt werden muss. Just im Moment, in dem dieser Sachverhalt eindeutig geklärt ist, zieht ein leichtes Kratzen des Halses meine Aufmerksamkeit auf sich. Reflexartig zielen die Blicke aus dem Fenster und die grauen Wolken warnen mich vor einer möglichen Eiseskälte. Ich drücke die Decke fest an mich und beteure mir, dass ich so definitiv nicht raus kann! Die Gesundheit geht schließlich vor. Ich schlafe jetzt also eine Runde weiter.

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